1 April 2020

Erwerb einer Originalzeichnung von Madeleine Lemaire

Die Société des Amis de Marcel Proust hat die Sammlungen des Hauses von Tante Léonie - Musée Marcel Proust durch den Erwerb einer Zeichnung von Madeleine Lemaire bereichert, die in Les plaisirs et les jours abgebildet ist.

Hier die Beschreibung dieser Zeichnung auf der Website der Galerie Johann Naldi :

"MADELEINE LEMAIRE (1845-1928) SEHR SELTENE ZEICHNUNG FÜR EINE ILLUSTRATION ZU MARCEL PROUST"
Madeleine LEMAIRE(Les Arcs, 1845 – Paris, 1928)
Original-Tuschezeichnung, signiert
XXVI Sous-Bois, Kapitelkopf, S. 231 (Kastanienzweig), 19,5 x 15,5 cm (sichtbarer Ausschnitt).
Provenienz:
Verkauf Hôtel Drouot (Sachverständiger Georges Petit), Aquarelles, dessins, gouaches & sanguines par Madeleine Lemaire, 29 avril 1897, Nr. 82 («Marronniers, houx, chandelle, fougère, trèfle. Cinq dessins à la plume»).

Notiz von Jean-David Jumeau-Lafond, Kunsthistoriker :
Diese Zeichnungen gehören zu einem Korpus von Kompositionen, die Madeleine Lemaire auf Wunsch von Marcel Proust anfertigte, um dessen erstes, 1896 bei Calmann-Lévy erschienenes Buch unter dem Titel Les Plaisirs et les jours zu illustrieren. In diesem Band versammelt der junge Autor Texte unterschiedlicher Art, Novellen und Prosagedichte, die 1892 und 1893 in Zeitschriften wie Le Banquet und der Revue blanche veröffentlicht worden waren. Für das künftige Genie von À la Recherche du temps perdu sind diese 1890er-Jahre die Jahre der Lehrzeit, und vor allem unter der Schirmherrschaft von Robert de Montesquiou, dem er damals sehr nahesteht und den er eben bei Madeleine Lemaire kennengelernt hat, macht Proust seine ersten ästhetischen und literarischen Erfahrungen. Mit Hilfe des Grafen findet er auch Eingang in „die Gesellschaft“ und entdeckt die Aristokratie, die später sein großes Werk bevölkern wird, insbesondere die Comtesse Elisabeth Greffulhe, eine Cousine Montesquious, die spätere «duchesse de Guermantes». Auch Madeleine Lemaire gehört zu diesem mondänen und künstlerischen Paris, aus dem Proust seine Inspiration schöpfen wird; sie wird das Vorbild für Madame Verdurin sein, jene emblematische Figur eines etwas emporgekommenen Bürgertums auf der Suche nach gesellschaftlichem Aufstieg. Die «patronne», wie sie in La Recherche genannt wird, wird ihr Ziel übrigens erreichen, indem sie in Le Temps retrouvé Fürstin von Guermantes wird. Es ist kein Zufall, dass Proust dieser zentralen Figur seines Zyklus einen Namen gab, der nach Natur duftet: Verdurin wie „verdure“ (Grün) – ein doppelter Verweis also, da er zugleich an die Berufung Madeleine Lemaires als Blumenmalerin erinnert und einen leicht abwertenden Beiklang hat, der die ländliche Herkunft der Figur andeutet. Montesquiou, Madeleine Lemaire, Reynaldo Hahn, von dem mehrere kleine Notenstücke in die Ausgabe aufgenommen wurden, und Anatole France für das Vorwort: Der Band erscheint sehr charakteristisch für den mondänen Ästhetizismus, der in diesen symbolistischen Jahren des Fin de siècle geradezu aufblüht. Jean Lorrain, dessen eigene Prosa doch selbst so stark von diesen dekadentistischen Jahren geprägt ist, lässt es sich nicht nehmen, Les Plaisirs et les jours unter seinem gewohnten Pseudonym Raitif de la Bretonne regelrecht zu verreißen, ein erstes Mal in Le Journal vom 1. Juli 1896, wo er auch Montesquiou einbezieht, ces «jolis petits jeunes gens en mal de littérature», dann ein zweites Mal ausführlicher am 3. Februar 1897. Dabei erwähnt er l’«amateurisme» de l’écrivain und fügt hinzu: «ce délicat volume ne serait pas un exemple-type du genre s’il n’était illustré par Mme Madeleine Lemaire». In eben diesem Artikel macht sich Lorrain mit seiner gewohnten Boshaftigkeit über das Vorwort von Anatole France lustig und schlägt für ein nächstes Vorwort Alphonse Daudet vor, «qui ne pourra la refuser, ni à Mme Lemaire, ni à son fils Lucien.» Die zwischen den Zeilen anklingende Anspielung auf Prousts Beziehung zu Lucien Daudet löst daraufhin das berühmte Pistolenduell zwischen Lorrain und Proust aus, das am 6. Februar 1897 ohne Ergebnis bleibt.

Man sieht, dass Les Plaisirs et les jours von einer ganzen Welt umgeben ist – ein besonders luxuriöser Band, der damals 17,50 Francs kostete, also das Dreifache des Preises eines gewöhnlichen Bandes. Es handelt sich dabei jedoch trotz der geringen Auflage nicht um ein bibliophiles Meisterwerk der Illustration, und man muss die eher mittelmäßige Wiedergabe von Madeleine Lemaires Illustrationen durch den Drucker hervorheben, dessen Arbeit der Feinheit der Originaltuschen nicht gerecht wird. Mehr noch als die ganzseitigen, Figuren oder vollständigen Themen gewidmeten Bilder, deren Grafik regelrecht gealtert ist, behalten die zugleich ornamentalen und symbolischen Zeichnungen der Künstlerin ihren Charme und zeugen von echten grafischen Qualitäten. Wirken die Aquarelle oder Ölbilder Madeleine Lemaires heute recht süßlich, so zeugen die Tuschezeichnungen von einer schönen Sicherheit der Hand und einer botanischen Präzision, die die poetische Interpretation nicht ausschließt. Ob es sich um die mit großer Schlichtheit behandelte Stechpalme und den Farn handelt, um die in ihrer Anordnung komplexeren Kastanien und Kleeblätter, oder um die Federkrone des Löwenzahns (taraxacum officinale), deren Zerfledderung an die schöne Zeichnung erinnert, die Eugène Grasset für die Librairie Larousse schuf – die Künstlerin liefert überall ausgewogene und sichere Seiten.

Nach den leider teilweise unleserlichen Beschriftungsfragmenten zu urteilen, wirkte Madeleine Lemaire an der Gestaltung des Buches mit. Die endgültige Entscheidung lag jedoch beim Verleger. So ist zu bemerken, dass die Stechpalmenblätter, senkrecht gezeichnet (und signiert), am Ende waagerecht wiedergegeben wurden, wobei sich die Signatur verschob. Es ist nicht immer leicht, die Auswahl der Bilder mit dem Inhalt des Textes in Verbindung zu bringen. Besteht wirklich ein Zusammenhang zwischen den Kleeblüten, die als Kopfzeile für «Coucher de soleil intérieur» dienen, oder den schönen Federkronen des Löwenzahns mit der «Sonate au clair de lune», die der Autor allerdings «Kerze» nennt, weil ein Windhauch sie zerstreut wie eine erlöschende Flamme? Das ist keineswegs sicher. So illustrieren die Kastanienzweige den Kapitelkopf «Sous-bois», während Proust erst im folgenden Kapitel mit dem Titel «Les Marronniers» schreibt: «J’aimais surtout à m’arrêter sous les marronniers immenses quand ils étaient jaunis par l’automne» (S. 233) (Originalzitat, französisch). Es scheint eher, dass die floralen Kopf- und Schlussvignetten aus gestalterischen und dekorativen Gründen angeordnet wurden. Wenn Jean Lorrain also spöttisch schreibt: «l’ingéniosité de Mme Lemaire ne s’est jamais adaptée si étroitement à un talent d’auteur», kann man dem – dieses Mal ohne Ironie – nur zustimmen…

Man weiß, dass Marcel Proust, als er später die Recherche schrieb und veröffentlichte, versuchen sollte, seine früheren Bücher vergessen zu machen, insbesondere Les Plaisirs et les jours, das in seinen Augen wohl allzu sehr vom Milieu und Kontext des «fin de siècle» geprägt war. Und doch wurzelt gerade in diesem einzigartigen Nährboden das Meisterwerk des Schriftstellers, und man betrachtet Prousts Werk heute als ein untrennbares Ganzes, von Les Plaisirs et les jours und Jean Santeuil bis zu Contre Sainte-Beuve und La Recherche. Madeleine Lemaire gehört durchaus zu dieser Welt, sowohl als Malerin mit diesen bezaubernden Zeichnungen als auch als Vorbild für Madame Verdurin, und diese «impératrice des roses», wie Robert de Montesquiou sie getauft hatte, verdiente wohl die Hommage von Anatole France, der in seinem Vorwort über Proust schreibt : «Heureux livre que le sien ! Il ira par la ville tout orné, tout parfumé des fleurs dont Madeleine Lemaire l’a jonché de cette main divine qui répand les roses avec leur rosée.» (Originalzitat, französisch)

Jean-David Jumeau-Lafond