10 Februar 2020
Interview mit den Preisträgern des Pastiche-Wettbewerbs 2019
Mehrere Preisträger des Concours de pastiches proustiens 2019 haben sich bereit erklärt, einige Fragen zu dieser Erfahrung zu beantworten. Zur Erinnerung: Die Ausgabe 2020 ist bis zum 31. März geöffnet. Und die Texte aller Finalisten sind hier oder dort verfügbar.
- Warum haben Sie 2019 am Pastiche-Wettbewerb teilgenommen?
Jean-Jacques Salomon (1. Preis „Berufstätige“): Der Zufall meines Berufslebens – aber vielleicht sollte ich eher von Notwendigkeit sprechen, wie es mir einst ein Psychoanalytiker nahelegte –, der Zufall oder die Notwendigkeit also, die mich seinerzeit dazu brachten, ein kleines Buch über das Leben der Sekretärinnen unter François Mitterrand zu verfassen, führten dazu, dass ich mich, um die Falle des weißen Blattes zu vermeiden, dabei ertappte, den Alltag dieser Frauen (denn der Beruf zählte damals nur sehr wenige Männer) im Stil von Proust, Balzac und Stendhal zu erzählen – mit einem Vergnügen, dessen Erinnerung, kaum hatte ich vom Start des Wettbewerbs 2019 erfahren, mir wie eine Herausforderung zuzurufen schien: „Du schaffst es, zehn Stunden am Stück zu marschieren, du passt immer noch in deine Uniform, aber bist du noch fähig, La Recherche zu pastichieren?“
Nicolas Fréry (1. Preis „Amateure“): Als Pastiche-Liebhaber habe ich mit Freude von der Existenz dieses Wettbewerbs erfahren, der eine schöne Gelegenheit bot, einen der größten Schriftsteller – und größten Pasticheure – überhaupt zu pastichieren. Zu selten gewürdigt, ist das Pastiche dennoch eine unvergleichliche Übung literarischer Kritik: Bindet man sich je so sehr wie beim Pastichieren (und anschließend beim Überarbeiten seines Pastiches und beim Diskutieren mit anderen Lesern) daran, herauszufinden, was die eigentliche Signatur eines Schriftstellers ausmacht, bis in feinste Details hinein und jenseits des gängigen Bildes, das man sich von ihm macht? Am Ende dieser einschüchternden (denn die literarische Kritik streift hier mehr als anderswo das persönliche Schreiben) und besonders lohnenden Arbeit klingt die Stimme eines Autors in uns treffender, vertrauter und stärker nach.
Maya Barreau (2. Preis „Berufstätige“): Von diesem Wettbewerb erfuhr ich durch « un enchaînement de circonstances », wie Proust sagen würde: Man möchte ein Wochenende in Chartres und Illiers-Combray verbringen, und bei der Organisation stößt man auf die Website der Société des Amis de Marcel Proust, auf der der Wettbewerb angeboten wird. Da ich La Recherche in der Vergangenheit viel gelesen hatte, hatte sich etwas von ihrer Musik, ihren Motiven, in mir festgesetzt. Als ich begann, mein Pastiche zu schreiben, kam das alles wieder hervor … mit einem Geschmack von Madeleine.
Philippe Morel (2. Preis „Amateure“): Ich habe Pastiches immer geliebt, sie zu lesen, aber auch sie zu schreiben: Zwischen Hommage und Ironie ermöglichen sie es, das Wesen eines Autors zu erfassen und wiederzugeben. Fast eine pädagogische Funktion, jenseits des Vergnügens, das sie bereiten. Ich habe mich also darauf eingelassen, als ich vom Wettbewerb der SAMP erfuhr. Für mich war es nur ein Schülerscherz (insbesondere das Wortspiel im Titel, das eher an den Canard enchaîné erinnert als an Recherche du temps perdu! [Das von Herrn Morel geschriebene Pastiche trägt den Titel: A l'ombre, les jeunes flics en pleurs]), und ich nahm mich selbst kaum ernst (ich, Proust nachahmen, wirklich?); ich war glücklich und überrascht, einen Preis zu erhalten.
Gilles Lucas (3. Preis „Amateure“): Ich habe daran teilgenommen, weil ich sehr gerne schreibe und das Pastiche schon sehr lange praktiziere. Vor allem dank Marcel Proust, dessen Lektüre von Pastiches et Mélanges mich begeistert und ermutigt hat, Pastiches zu schreiben. Für mich ist das ein besonders kreatives und spannendes literarisches Spiel. So kam es, dass ich viele Autoren, die ich schätze, „nachgeahmt“ (oder zu „nachahmen“ versucht) habe, etwa Flaubert, Stendhal, Zola, Céline ... Boileau, Molière ... Als ich erfuhr, dass die Société des Amis de Marcel Proust einen Pastiche-Wettbewerb organisierte, habe ich nicht gezögert.
- Welchen Rat würden Sie jemandem geben, der zögert, sich an der Ausgabe 2020 desselben Wettbewerbs zu versuchen?
Jean-Jacques Salomon: Für mich gibt es nicht einen, sondern mehrere proustianische Stile. Dagegen gibt es tatsächlich nur einen Menschen mit einem rekursiven Geist und einem boshaften Gespür für das Soziale. Wer zögert, sollte sich meiner Meinung nach nicht fragen, ob er im Stil Prousts schreiben kann, sondern ob er sich fähig fühlt, wie er zu denken. Wenn das der Fall ist und er daran Gefallen findet, sollte er sich darauf einlassen. Die Worte dafür werden sich mühelos einstellen.
Maya Barreau: Sich mit einem literarischen Genie zu messen ist einschüchternd, aber ein wenig Humor und Bescheidenheit lösen diese Hemmung. Bei Proust sind Gesellschaft, Liebe, Landschaften, Kunst … ebenso viele Inspirationsquellen. Gelingt es einem, bei einem dieser Themen die Liebhaber dieses großen Schriftstellers zum Lächeln zu bringen, zu bewegen, zu begeistern, ist die Wette gewonnen – zumindest bei den Lesern!
Zunächst geht es darum, die Idee, den Blickwinkel zu finden, der nah am proustianischen Universum bleibt. Man kann lange suchen, erfolglosen Spuren folgen, bevor man sein eigenes „Guermantes-Pflaster“ findet. Den ersten Entwurf schreiben und ihn überarbeiten, natürlich, wie Boileau sagte: "Vingt fois sur le métier remettez votre ouvrage, Polissez-le sans cesse et le repolissez." (Originalzitat, französisch) Dann gibt es natürlich den Stil. Man kann sich von einem Gedanken Jean-Yves Tadiés inspirieren lassen, für den (Originalzitat, französisch) la phrase proustienne doit être "structurée, comporter des images poétiques, des éléments comiques et des éléments de connaissance. Y parvenir n’est pas aisé."
Gilles Lucas: Keine Zögerlichkeit! Wenn Sie Proust lieben und Freude an der Nachahmung haben, dann trauen Sie sich! Sich in den Stil eines so berühmten Schriftstellers hineinzuversetzen, welch ein Vergnügen!
- Was erschien Ihnen bei dieser Übung des proustianischen Pastiches am schwierigsten?
Jean-Jacques Salomon: Wenn man sich an das proustianische Pastiche wagt, läuft man Gefahr, der Wortflut zu viel Raum zu geben. Wie lässt sich das Hin und Her des Denkens bewahren, das den proustianischen Stil ausmacht, ohne in die Karikatur abzugleiten? Die größte Schwierigkeit bestand für mich darin, dieses Risiko zu vermeiden und dabei den Pflichtübungen Genüge zu tun, die der lange Satz, die Fülle an Metaphern und die Freiheit der Zeichensetzung darstellen. Kurz gesagt, eine Frage der Dosierung!
Nicolas Fréry: Ich glaube, eine der größten Schwierigkeiten für den Pasticheur besteht darin, einen Text zu schreiben, der zahlreiche typische Verfahren des Stils eines Schriftstellers vereint, ohne davon übersättigt zu wirken. Zum einen, weil das Pastiche, sofern es keine Parodie sein will, sich davor hüten muss, in Karikatur abzugleiten (es kann höchstens ein vergrößernder Spiegel sein); zum anderen, weil es nicht darum geht, mechanisch ein Repertoire stilistischer Eigenheiten zusammenzustellen, sondern sich in das Universum eines Schriftstellers hineinzuversetzen. Daraus folgt, dass das Pastiche, obwohl es vor allem auf der Nachahmung von Rhythmus, Wendungen und Wortwahl beruht, keine reine Formübung ist: Man muss auch – und das ist die Krux – eine Intuition für ein Thema haben, das der Autor hätte behandeln können und das mit den eingesetzten stilistischen Mitteln in Einklang steht. Es ist in dieser Hinsicht nicht einfach, dieses Thema in einem Text zu entfalten, der trotz seiner Kürze innere Kohärenz besitzt (während der pastichierte Autor sein Werk nicht notwendigerweise aus kurzen Texteinheiten aufbaut). Das Pastiche beruht also insgesamt auf einem Prinzip der Verdichtung: Verdichtung der stilistischen Merkmale – unter Vermeidung von Übersättigung – und häufig auch Verdichtung der Anekdote, um einen kurzen Text zu verfassen, der als repräsentative Kostprobe gilt und zugleich ein eigenständiges Interesse besitzt (denn hätte er das nicht, könnte er dann die Illusion erwecken, aus der Feder eines großen Autors zu stammen?).
Maya Barreau: Ich würde eher von einer Herausforderung als von einer wirklichen Schwierigkeit sprechen. Über das Pastiche sagt Marcel Proust – selbst ein Pasticheur – es sei « critique en action ». Die Herausforderung besteht darin, ein Gleichgewicht zwischen Einfühlung und Kritik zu finden. Proust in sich nachklingen zu lassen und gleichzeitig bestimmte Mechanismen seines Denkens und seines Stils zu verstehen. Von dort aus kann man eine kleine, originelle Geschichte schreiben, die stimmig klingt. Ohne dabei eine humorvolle Note zu vergessen.
Philippe Morel: Ein Thema, eine Idee zu finden. Am Ende habe ich, fast zufällig, den Bezug zu einem politischen Ereignis des Jahres 2018 hergestellt; von da an ergab sich der Titel fast von selbst und bestimmte den weiteren Verlauf. Ich weiß nicht genau, wie diese Mischung aufgegangen ist, die Inspiration hätte von überall herkommen können! Dann die Niederschrift: nah am Autor bleiben, an seinem Universum (Ereignisse, Figuren …), an seinem Stil, dabei zu plattes Kopieren vermeiden und trotzdem originell bleiben. Eine Art Quadratur des Kreises.
Gilles Lucas: Ein interessantes Thema mit einem originellen Blickwinkel finden. In meinem Fall habe ich mich für eine mise en abyme entschieden. Nicht nur ein einfaches Abklatschbild der bekanntesten Episoden der Recherche anbieten. Was den gewählten Ton betrifft, wollte ich ihn entschieden humorvoll halten. Außerdem habe ich mich gefragt, ob die Geschichte zur Zeit Prousts oder heute angesiedelt sein sollte. Ich habe mich für unsere Zeit entschieden. Beim eigentlichen Schreiben war es beispielsweise keine leichte Übung, lange Sätze zu bilden. Grammatikalisch gesehen musste etwas Korrektes entstehen.