Brief und Gedicht von Proust an Raoul Versini — Dezember 2020
2020Im Oktober 2020 erwarb die Société des Amis de Marcel Proust et des Amis de Combray bei einer öffentlichen Versteigerung im Auktionshaus Ader, mit Thierry Bodin als Gutachter, einen eigenhändigen Brief und ein eigenhändiges Gedicht von Marcel Proust an seinen Mitschüler Raoul Versini. Diese beiden Dokumente von kapitaler Bedeutung — die über lange Jahre verschollen waren, bevor sie bei einer früheren Versteigerung rund dreißig Jahre zuvor wieder auftauchten, wo Jean-Yves Tadié sie hatte studieren können — bereichern die Kenntnis vom Innenleben des jungen Schriftstellers und von der Entstehung seiner ersten Werke auf entscheidende Weise.
Der Brief, verfasst in einem Umschlag mit den Datumsangaben 26. und 28. Oktober 1888, zählt zu den intimsten Zeugnissen, die über den jungen Marcel Proust vorliegen, der damals die Philosophieklasse des Lycée Condorcet besuchte. Er beleuchtet ein grundlegendes Ereignis seines Privatlebens und erlaubt es, direkte Verbindungen zu mehreren Jugendtexten herzustellen — „Avant la nuit" in der Revue blanche (1892), die „Confession d'une jeune fille", aufgenommen in Les Plaisirs et les Jours — sowie zu bestimmten wiederkehrenden Motiven in À la recherche du temps perdu.
Präsentation
Raoul Versini (1870–1939) war Marcel Prousts Mitschüler in der Philosophieklasse des Lycée Condorcet, der berühmten Klasse von Professor Darlu — jener des M. Beulier aus Jean Santeuil —, der einen tiefen Einfluss auf den Schriftsteller ausübte. Als wenig bekannte Gestalt im Umfeld Prousts machte Versini dennoch eine bemerkenswerte literarische und akademische Karriere: Er wurde an der École normale supérieure aufgenommen, erwarb die Agrégation für Literatur, wurde Direktor des Petit Lycée Condorcet und veröffentlichte mehrere Essays und klassische Editionen.
Der Brief vom 26.–28. Oktober 1888 ist eine Antwort Marcels an Raoul, die ein bereits zwischen den beiden Mitschülern ausgetauschtes Geständnis fortsetzt. Der Schriftsteller kommt darin auf ein als Vergewaltigung geschildertes Ereignis zurück, das er sogleich seinem Freund Abel Desjardins und noch am selben Abend seinem eigenen Vater anvertraute. Diese Erzählung beleuchtet die Entstehung einer ersten Fassung der „Confession d'une jeune fille" aus Les Plaisirs et les Jours sowie des Textes „Avant la nuit", der 1892 in der Revue blanche erschien. Das darin auftauchende Motiv des Sofas wird zudem in mehreren Episoden von À la recherche du temps perdu wiederkehren.
Das eigenhändige Gedicht, in einem an Verlaine erinnernden Stil verfasst, wurde von seinem Verfasser während seines Militärdienstes in Orléans im Frühjahr 1890 einem zweiten Empfänger unter dem Titel „Chanson de printemps" geschenkt. Zu diesen beiden Dokumenten gesellt sich ein „Credo littéraire" — eine Liste der großen, von Proust bewunderten Schriftsteller des 19. Jahrhunderts —, das die Pastiches und kritischen Studien ankündigt, die er im Laufe seiner Laufbahn veröffentlichen wird.
Autoren und Mitwirkende
Jean-Yves Tadié, emeritierter Professor an der Université de Paris-Sorbonne, Autor der maßgeblichen Biografie Marcel Proust (Gallimard, 1996), zeichnet für die zentrale Studie der Broschüre verantwortlich. Er stellt die beiden Dokumente in ihren biografischen und literarischen Kontext und zeigt ihre Bedeutung für die Kenntnis der Jugend des Schriftstellers auf.
Laurent Versini, von der Académie française, emeritierter Professor an der Université de Paris-Sorbonne und Spezialist für die Literatur des 18. Jahrhunderts, war der Enkel von Raoul Versini. Sein Zeugnis lieferte Jean-Yves Tadié entscheidende Informationen über die Beziehung zwischen Marcel Proust und seinem Mitschüler.
Éric Unger übernahm den Schriftsatz der Broschüre.
Inhalt
- Briefe an Raoul Versini, von Jean-Yves Tadié
- Das Gedicht
- Das literarische Credo
- Reproduktionen und Transkriptionen
Bibliografische Angaben
- Format: Broschur
- ISBN: 978-2-492318-06-1
- Preis: 4 €
- Verlag: Société des Amis de Marcel Proust et des Amis de Combray
- Pflichtexemplar: Dezember 2020